Erwachsene sollten Jugendliche besser wahr­nehmen: Tilmann Weickmann über das Enga­gement der Berliner Jugend

Engagiert in der Coronazeit

Zehn Jah­re Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che: Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin hat Antrei­ber:innen und Beobachter:innen der Ber­li­ner Zi­vil­ge­sell­schaft auf ein Wort ge­be­ten – nach­ge­fragt, in die­ser Co­ro­na­zeit. Heu­te Til­mann Weick­mann, Ge­schäfts­füh­rer des Lan­des­ju­gend­rings Ber­lin e.V., im Ge­spräch mit Re­né Tausch­ke.

Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin und das Lan­des­netz­werk Bür­ger­en­ga­ge­ment Ber­lin als Ver­an­stal­ter der Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che ha­ben für 2020 ihr Jah­res­mot­to “Lern.Ort.En­ga­ge­ment.” ge­setzt. Was be­deu­tet für Sie das Mot­to? Was ha­ben Sie aus dem En­ga­ge­ment ge­lernt oder mit­ge­nom­men?

Tilmann Weickmann

Wir wis­sen aus der For­schung, dass sich ge­ra­de jun­ge Men­schen nach­hal­ti­ge Kom­pe­ten­zen im eh­ren­amt­li­chen En­ga­ge­ment an­eig­nen. Da­zu ge­hö­ren en­ga­ge­ment­spe­zi­fi­sche Kom­pe­ten­zen, aber auch all­ge­mei­ne so­zia­le und per­so­na­le Kom­pe­ten­zen. Dies hat oft auch Ein­fluss auf die spä­te­re be­ruf­li­che Kar­rie­re. Ich selbst ha­be bei mei­nem En­ga­ge­ment im Ju­gend­ver­band bei­spiels­wei­se de­mo­kra­ti­sche Pro­zes­se und Spiel­re­geln ken­nen­ge­lernt, ha­be ge­lernt zu mo­de­rie­ren und – nicht zu­letzt – För­der­an­trä­ge zu schrei­ben. All das kann ich heu­te noch gut ge­brau­chen.

Die Ju­gend­li­chen sind die Al­ters­grup­pe, die sich in Ber­lin und bun­des­weit am stärks­ten eh­ren­amt­lich en­ga­giert. Wor­an liegt das?

Ich glau­be, dass En­ga­ge­ment im­mer sehr viel da­mit zu tun hat, wie man selbst auf die Ge­sell­schaft guckt und wel­che In­ter­es­sen man hat. Jun­ge Men­schen in­ter­es­sie­ren sich für das, was um sie her­um pas­siert. Sei es im Klei­nen oder im Grö­ße­ren. Sie ma­chen sich eher ei­nen Kopf dar­über, was ih­nen ge­fällt und was ih­nen nicht ge­fällt und möch­ten dann auch oft di­rekt ak­tiv wer­den. Sie ha­ben noch ihr gan­zes Le­ben vor sich und ent­wi­ckeln Ide­en, wie sie das füh­ren wol­len. Das führt da­zu, dass sie sich für Din­ge ein­set­zen.

Erwachsene sollten nicht erwarten, dass Ju­gend­li­che nach den Spielregeln der Erwachsenen funktionieren

Gibt es ge­nü­gend Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten für die Ber­li­ner Ju­gend?

Ich glau­be, Ju­gend­li­che er­grei­fen Mög­lich­kei­ten der Par­ti­zi­pa­ti­on oft selbst und war­ten nicht dar­auf, dass sie ih­nen an­ge­bo­ten wer­den. Sie neh­men sich das Recht, mit­zu­be­stim­men. Ich wür­de die Fra­ge da­her um­dre­hen und eher fra­gen: Neh­men Er­wach­se­ne es wahr, an wel­chen Stel­len Ju­gend­li­che sich äu­ßern und mit­be­stim­men wol­len und an wel­chen Stel­len sie sich mehr Rück­sicht auf ih­re In­ter­es­sen wün­schen? Er­wach­se­ne müs­sen die­se Wün­sche sen­si­bel wahr­neh­men und ver­ste­hen.

Ju­gend­li­che äu­ßern ih­re Wün­sche und ih­re Kri­tik oft so, dass Er­wach­se­ne das nicht ganz ver­ste­hen oder nicht ernst neh­men. Das kann meh­re­re Grün­de ha­ben – zum Bei­spiel, dass die Art und Wei­se der For­mu­lie­rung in die eta­blier­ten Spiel­re­geln nicht hin­ein­passt. Er­wach­se­ne soll­ten Ju­gend­li­che bes­ser wahr­neh­men, an­statt zu über­le­gen, wie das nächs­te Par­ti­zi­pa­ti­ons­in­stru­ment aus­se­hen kann, das sich Er­wach­se­ne aus­den­ken.

Wel­che Mög­lich­kei­ten gä­be es, um die Wahr­neh­mung der Er­wach­se­nen ge­gen­über den Ju­gend­li­chen zu stär­ken?

Ich wür­de mir wün­schen, dass Po­li­ti­ker:innen und Mitarbeiter:innen in der Ver­wal­tung viel öf­ter di­rekt mit den Ju­gend­li­chen in Kon­takt kom­men und dort hin­ge­hen, wo die Ju­gend­li­chen sind – in Ju­gend­frei­zeit­ein­rich­tun­gen, bei Fe­ri­en­fahr­ten von Ju­gend­ver­bän­den, in Schu­len, viel­leicht auch di­rekt auf der Stra­ße. Dann soll­ten sie ein­fach mal zu­hö­ren, gu­cken, was da so pas­siert und si­gna­li­sie­ren, dass sie an­sprech­bar und in­ter­es­siert sind. Es ist ganz wich­tig, dass sich Er­wach­se­ne auf Ju­gend­li­che ein­las­sen. Er­wach­se­ne soll­ten nicht er­war­ten, dass die Ju­gend­li­chen nach den Spiel­re­geln der Er­wach­se­nen funk­tio­nie­ren.

Das wä­re al­so vor al­lem ei­ne Auf­ga­be für Po­li­tik und Ver­wal­tung?

Des­we­gen muss es dort auch mehr Fort­bil­dun­gen ge­ben, in de­nen der Fo­kus auf Mit­be­stim­mung und Par­ti­zi­pa­ti­on ge­legt wird. Es soll­te in Aus­bil­dung und Wei­ter­bil­dung be­son­ders auf Ver­wal­tungs­ebe­ne ei­ne grö­ße­re Rol­le spie­len. Da­bei geht es dar­um, wie mit den Bürger:innen um­ge­gan­gen und zu­ge­hört wird. Das gilt na­tür­lich auch für an­de­re ge­sell­schaft­li­che Or­ga­ni­sa­tio­nen, für Ver­bän­de, für Ver­ei­ne, für Re­li­gi­ons­ge­mein­schaf­ten, für Ge­werk­schaf­ten und in al­len Be­rei­chen, in de­nen Er­wach­se­nen un­se­re Ge­sell­schaft ge­stal­ten.

Wir möchten wissen, wo gibt es Hindernisse, Grenzen, wenn sich junge Menschen engagieren wollen

Wo se­hen sie die Ju­gend­ver­bän­de und de­ren Ar­beit in den nächs­ten Jah­ren?

Ein wich­ti­ges The­ma im nächs­ten Jahr für Ju­gend­ver­bän­de ist die Ab­ge­ord­ne­ten­haus­wahl. Da wer­den wir The­men, die für Ju­gend­li­che wich­tig sind, ein­brin­gen. Zum Bei­spiel auch die Ab­sen­kung des Wahl­al­ters auf 16 Jah­re. Mo­men­tan sind nur die Wah­len der Be­zirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lun­gen ab 16 Jah­ren in Ber­lin mög­lich. Da wer­den wir uns im nächs­ten Jahr sehr deut­lich für ein­set­zen.

Auch die För­de­rung von eh­ren­amt­li­chen En­ga­ge­ment wer­den wir wei­ter an­ge­hen. Wir möch­ten wis­sen, was gibt es für Hin­der­nis­se, wenn sich jun­ge Men­schen en­ga­gie­ren wol­len. Wo sto­ßen sie auf Gren­zen? Wo müs­sen wir Rah­men­be­din­gun­gen ver­än­dern, um es jun­gen Men­schen leich­ter zu ma­chen, sich zu en­ga­gie­ren?

Di­gi­ta­li­sie­rung spielt im Le­bens­raum der Ju­gend­li­chen ei­ne gro­ße Rol­le. Was hat die Co­ro­na-Kri­se da am Be­wusst­sein der Ju­gend­li­chen und Er­wach­se­nen viel­leicht noch ein­mal ge­än­dert?

Wir ha­ben wäh­rend des Lock­downs ge­merkt, dass es auf der ei­nen Sei­te wich­tig ist, dass Fach­kräf­te in der Ju­gend­ar­beit sich di­gi­tal bes­ser be­we­gen kön­nen und die wich­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen und Res­sour­cen da­für be­sit­zen. Auf der an­de­ren Sei­te ha­ben wir auch ei­ne di­gi­ta­le Mü­dig­keit bei den Ju­gend­li­chen fest­ge­stellt – be­son­ders wenn man aus­schließ­lich auf die di­gi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on zu­rück­ge­wor­fen wird.

Es gab ei­ne Sehn­sucht nach der ech­ten Be­geg­nung mit Men­schen – so­wohl mit Gleich­alt­ri­gen als auch mit Be­zugs­per­so­nen aus der Ju­gend­ar­beit. Nicht ver­ges­sen darf man zu­dem, dass nicht al­le Ju­gend­li­chen die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen für di­gi­ta­le Kom­mu­ni­ka­ti­on ha­ben.

Wer­fen wir ei­nen Blick in die Zu­kunft: Wie wün­schen Sie sich die En­ga­ge­ment-Land­schaft im Jahr 2030?

Ich wün­sche mir wei­ter­hin selbst­be­wuss­te Grup­pen, Ver­ei­ne und Ver­bän­de, die das Le­ben, die Ge­sell­schaft und die Stadt ge­stal­ten möch­ten. Ich wün­sche mir Mut und En­er­gie von Men­schen. Staat, Ver­wal­tung und Po­li­tik soll­ten noch bes­ser er­ken­nen, wie wich­tig das In­ter­es­se der Men­schen, die ei­ge­nen Le­bens­be­din­gun­gen mit­zu­ge­stal­ten, für un­se­re Ge­sell­schaft ist.

Eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment heißt nicht, für ei­gent­lich staat­li­che Leis­tun­gen ein­zu­sprin­gen oder im Auf­trag des Staa­tes be­stimm­te Auf­ga­ben zu über­neh­men, son­dern es hat et­was mit ge­sell­schaft­li­chem Ei­gen­sinn zu tun. Das ist ein un­heim­li­cher Wert, der ge­för­dert wer­den muss.

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zu­letzt ak­tua­li­siert 14.09.2020