Wir brauchen digitale Elemente, hybride und Live-Formate: Dieter Rehwinkel zur Digita­lisierung im Engagement

Engagiert in der Coronazeit

Zehn Jah­re Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che: Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin hat Antrei­ber:innen und Beobachter:innen der Ber­li­ner Zi­vil­ge­sell­schaft auf ein Wort ge­be­ten – nach­ge­fragt, in die­ser Co­ro­na­zeit. Heu­te Die­ter Reh­win­kel, Pro­jekt­lei­ter „Wo­che des bür­ger­schaft­li­chen En­ga­ge­ments“ des Bun­des­netz­werks Bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment, im Ge­spräch mit Re­né Tausch­ke.

Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin und das Lan­des­netz­werk Bür­ger­en­ga­ge­ment Ber­lin ha­ben als Ver­an­stal­ter auch für die Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che ihr Jah­res­mot­to “Lern.Ort.Engage­ment.” ge­setzt. Was be­deu­tet es für Sie?

Die­ser Drei­klang ent­hält al­les, was das En­ga­ge­ment aus­macht. Sieter RehwinkelEr ent­hält die Zu­ge­hö­rig­keit (Ort), das Mit­ein­an­der ak­tiv wer­den und da­von pro­fi­tie­ren (Ler­nen). Das sind die Be­grif­fe, die das En­ga­ge­ment be­schrei­ben. Was für mich per­sön­lich noch da­zu­ge­hört, ist das An­er­ken­nen und das Ge­se­hen­wer­den.

Was ha­ben Sie per­sön­lich aus dem En­ga­ge­ment ge­lernt?

Dass man et­was be­we­gen kann. Ich ha­be bei­spiels­wei­se ei­ne eh­ren­amt­li­che Wahl­kam­pa­gne in Ber­lin ge­macht, un­ter dem Mot­to Je­de Stim­me, bei der wir für die 500.000 Berliner:in­nen, die nicht wäh­len dür­fen, ei­ne sym­bo­li­sche Wahl in­iti­iert ha­ben. Da­bei ha­be ich ge­lernt, dass es sich lohnt, so et­was zu ma­chen. Denn da­mit wird man po­li­tisch ge­hört und ge­se­hen.

Zi­vil­ge­sell­schaft ist auch im­mer ei­ne at­men­de Zi­vil­ge­sell­schaft. Wenn et­was nicht rich­tig läuft, dann gibt es im­mer Leu­te, die die Pro­ble­me kennt­lich ma­chen. Dar­auf­hin wer­den die­se dann – viel­leicht und hof­fent­lich – auf po­li­ti­scher Ebe­ne ge­löst.

Engagementwoche und Woche des bürgerschaftlichen Engagements haben Wirkungen

Wie ha­ben die Kam­pa­gnen­ide­en „En­ga­ge­ment­wo­che“ und „En­ga­ge­ment macht stark“ Ber­lin ver­än­dert?

Ich neh­me ei­ne sehr star­ke Sen­si­bi­li­tät im En­ga­ge­ment wahr. Es gibt ei­ne ei­ge­ne Staats­se­kre­tä­rin und vie­le Pro­gram­me, die bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment un­ter­stüt­zen. Das ist si­cher auch ein Er­geb­nis der Ar­beit un­se­rer Kam­pa­gnen und der en­ga­gier­ten Berliner:innen.

Wenn man ein­mal zu­rück­schaut auf die Um­welt­be­we­gung und die An­ti-AKW-Be­we­gung: Das hat erst da­zu ge­führt, dass ein Mi­nis­te­ri­um für Um­welt, Na­tur­schutz und nu­klea­re Si­cher­heit ein­ge­führt wur­de. Eben­so hat die en­ga­gier­te Zi­vil­ge­sell­schaft die Rol­le der Frau­en ge­stärkt.

En­ga­ge­ment führt zu mit­tel­fris­ti­gen und lang­fris­ti­gen Er­fol­gen. Wenn die Bürger:innen sich im de­mo­kra­ti­schen Ge­mein­we­sen en­ga­gie­ren und die Leu­te in Rat­häu­sern und Re­gie­rungs­äm­tern das wahr­neh­men, dann be­wegt sich et­was, dann tun sie auch et­was.

Die Kam­pa­gnen wer­den im­mer di­gi­ta­ler – auch im En­ga­ge­ment und be­son­ders wäh­rend der Co­ro­na-Kri­se. Wie wich­tig sind di­gi­ta­le Me­di­en für ei­ne En­ga­ge­ment-Kam­pa­gne?

Wir ma­chen in­zwi­schen al­le un­se­re Groß­ver­an­stal­tun­gen di­gi­tal – auch in an­de­ren Bun­des­län­dern. Ob­wohl un­se­re Kam­pa­gnen schon im­mer di­gi­tal ge­prägt wa­ren, ist das ei­ne Ver­än­de­rung. Das En­ga­ge­ment braucht ei­gent­lich bei­des. Wir brau­chen di­gi­ta­le Ele­men­te, hy­bri­de und Live-For­ma­te. Man will sich be­geg­nen, man muss sich aus­tau­schen. Di­gi­ta­les En­ga­ge­ment braucht auch die Er­gän­zung durch Be­geg­nung. Dar­um hof­fe ich, dass das bald wie­der an­ders wird.

Ein Lern.Ort.Engagement. kann nicht nur digital sein

Un­se­rer Wahr­neh­mung nach sind di­gi­ta­le For­ma­te und Ver­an­stal­tun­gen auf­wän­di­ger. Denn um vie­le Men­schen zu er­rei­chen, muss man sehr in­no­va­tiv sein und auf völ­lig an­de­rer Ebe­ne or­ga­ni­sie­ren, als es bei ana­lo­gen Ver­an­stal­tun­gen be­kannt ist. Wel­che Er­fah­run­gen ha­ben Sie ge­macht?

Das mer­ken wir auch. Es ist nicht nur auf­wän­di­ger, es wer­den auch grö­ße­re Hür­den auf­ge­baut. Ich ha­be die ers­ten Zah­len von an­de­ren Mit­mach-Kam­pa­gnen aus an­de­ren Län­dern be­kom­men. Un­se­re Pro­gno­se ist, dass wir nur die Hälf­te von de­nen er­rei­chen bzw. ak­ti­vie­ren, die wir sonst er­rei­chen. Es ist ein­fa­cher auf der Stra­ße et­was zu ver­an­stal­ten oder an ei­nem an­de­ren Ort. Ge­mäß dem Mot­to Lern.Ort.En­ga­ge­ment. kann die­ser Ort nicht nur ein di­gi­ta­ler Ort sein.

Was sind die Her­aus­for­de­run­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung im En­ga­ge­ment-Be­reich?

Was wir brau­chen, sind bes­se­re Schutz­me­cha­nis­men, um di­gi­ta­len Miss­brauch vor­zu­beu­gen. Es ist im­mer noch viel zu oft und ein­fach mög­lich, dass sich Leu­te in On­line­for­ma­te von In­itia­ti­ven mit fal­schen und/​oder dunk­lem zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grund ein­klin­ken. Das ist ei­ne gro­ße Ge­fahr.

Digitalisierung, eine Chance auch für mehr Unternehmensengagement

Wie di­gi­ta­li­siert ist die En­ga­ge­ment­land­schaft in Ber­lin?

So­weit ich das be­ur­tei­len kann, be­steht noch viel Nach­hol­be­darf. Wir ha­ben die ers­te Kri­se ja schon er­lebt vor fünf Jah­ren, als sich vie­le Leu­te zu­sätz­lich und spon­tan en­ga­gie­ren woll­ten. Da muss­te man sich re­gis­trie­ren, um den Ge­flüch­te­ten zu hel­fen. Die In­itia­ti­ven wa­ren da­für aber nicht aus­ge­stat­tet, das zu ma­chen. Schon da gab es De­fi­zi­te im di­gi­ta­len Know­How, nicht nur bei den gro­ßen NGO-Tan­kern des or­ga­ni­sier­ten En­ga­ge­ments, son­dern auch in den zu­stän­di­gen Ad­mi­nis­tra­tio­nen. Das müs­sen wir än­dern. Da­zu braucht es Auf­klä­rung, Un­ter­stüt­zung, In­fra­struk­tur-Aus­rüs­tung.

In­zwi­schen ist es so, dass vie­le Ver­ei­ne und Ver­bän­de ei­ge­ne di­gi­ta­le, aber auch ana­lo­ge For­ma­te zur di­gi­ta­len Auf­klä­rung ent­wi­ckeln und be­reit­stel­len. Schafft das En­ga­ge­ment es aus ei­ge­ner Kraft, den Ver­ei­nen mit Nach­hol­be­darf zu hel­fen oder be­nö­tigt es po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung?

Oh­ne po­li­ti­sche Un­ter­stüt­zung ist das nicht mög­lich. Wir brau­chen die In­fra­struk­tur, um die Hil­fe zu or­ga­ni­sie­ren, und För­der­pro­gram­me, da­mit die ei­nen den an­de­ren hel­fen kön­nen. Mög­li­cher­wei­se ist es aber auch ei­ne Mög­lich­keit für das viel­fäl­ti­ge und oft nicht wahr­ge­nom­me­ne Un­ter­neh­mens­en­ga­ge­ment, das es ja gibt.

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zu­letzt ak­tua­li­siert 11.09.2020