Wir fördern durch Engagement auch Teamgeist und Gemeinsinn: Birgit Nimke-Sliwinski über Kehrenbürger und Engagement in Berlin

Engagiert in der Coronazeit

Zehn Jah­re Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che: Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin hat Antrei­ber:innen und Beobachter:innen der Ber­li­ner Zi­vil­ge­sell­schaft auf ein Wort ge­be­ten – nach­ge­fragt, in die­ser Co­ro­na­zeit. Heu­te Bir­git Nim­ke-Sli­win­ski, Lei­te­rin Mar­ke­ting der Ber­li­ner Stadt­rei­ni­gung (BSR), im Ge­spräch mit Re­né Tausch­ke.

Wir fei­ern die zehn­te En­ga­ge­ment­wo­che. Da­her möch­te ich zu­nächst wis­sen, wie hat sich, in Ih­ren Au­gen, der En­ga­ge­ment­be­reich in den letz­ten 10 Jah­ren ent­wi­ckelt?

Birgit Nimke-Sliwinski

Ich ha­be den Ein­druck, dass das bür­ger­schaft­li­che En­ga­ge­ment in Ber­lin in den letz­ten Jah­ren stär­ker ge­wor­den ist. Die par­ti­zi­pa­ti­ve Stadt­ge­sell­schaft in Ber­lin zahlt si­cher dar­auf ein. Es ist aber auch so, dass in vie­len Be­rei­chen im­mer noch eh­ren­amt­li­che Men­schen feh­len.

Die Lan­des­frei­wil­li­genagen­tur Ber­lin und das Lan­des­netz­werk Bür­ger­en­ga­ge­ment Ber­lin als Ver­an­stal­ter der Ber­li­ner En­ga­ge­ment­wo­che ha­ben für 2020 das Jah­res­mot­to “Lern.Ort.Engagement.” ge­setzt. Was be­deu­tet für Sie das Mot­to, was ha­ben Sie aus dem En­ga­ge­ment ge­lernt oder mit­ge­nom­men?

Eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment braucht Un­ter­stüt­zung in ei­ge­nen Struk­tu­ren oder von au­ßen. So brin­gen wir zum Bei­spiel mit un­se­ren “Keh­ren­bür­gern” die Lo­gis­tik rund um Clean ups ein, die In­i­ti­tiat­ven ver­an­stal­ten mit; oder wenn ich an die Stol­per­fal­len des Da­ten­schut­zes den­ke. Ich er­le­be an den viel­fäl­ti­gen Stel­len un­se­rer Un­ter­stüt­zung viel Dank­bar­keit und ein gro­ßes Mit­ein­an­der. Das tut der Stadt­ge­sell­schaft gut.

Der Engagementwoche ist gelungen, dem Ehrenamt mit seinen vielfältigen Möglichkeiten ein Gesicht zu geben

Wie hat die En­ga­ge­ment­wo­che Ber­lin ge­prägt? Was ha­ben die Ver­an­stal­ter in den letz­ten zehn Jah­ren ge­schafft oder ge­schaf­fen?

Den Ver­an­stal­tern ist es ge­lun­gen, dem Eh­ren­amt und sei­nen viel­fäl­ti­gen Mög­lich­kei­ten ein Ge­sicht zu ge­ben. Mit der Wo­che wird die­ses sehr schön sicht­bar ge­macht.

Se­hen Sie das stär­ke­re En­ga­ge­ment der Berliner:innen auch in ih­ren ei­ge­nen Ak­tio­nen, zum Bei­spiel bei den „Kehrenbürger“-Aktionen?

Wir sind im Jahr 2010 mit 30 Ak­tio­nen und et­wa 900 Men­schen ge­star­tet. Im letz­ten Jahr wa­ren es dann schon 800 Ak­tio­nen und knapp 25.000 Men­schen in den Ak­tio­nen. Da­bei sind die Ak­tio­nen noch gar nicht mit­ge­zählt, die re­gel­mä­ßig in Schu­len und Kin­der­ta­ges­stät­ten statt­fin­den. Es ist al­so auch da ein stei­gen­des En­ga­ge­ment sicht­bar.

Wie ist die Ak­ti­on und die Platt­form „Keh­ren­bür­ger“ ent­stan­den und was ge­nau pas­siert bei solch ei­ner Ak­ti­on?

Im Jahr 2005 ha­ben wir mit Putz­ak­tio­nen in Ber­lin an­ge­fan­gen. Wir ha­ben an fünf zen­tra­len Stel­len zum Platz­putz auf­ge­ru­fen und ein­ge­la­den. Die Ak­tio­nen wa­ren nicht schlecht be­sucht, aber wir wuss­ten auch: Ber­lin ist groß. Die Ber­li­ner:innen le­ben dem­entspre­chend im star­ken Kiez-Be­zug und ver­las­sen ih­ren Kiez eher sel­ten. Der Mensch wird eher ak­tiv, wenn es um das ei­ge­ne Um­feld geht. Das ist auch nach­voll­zieh­bar. Wir ha­ben es auf die­se Wei­se nicht ge­schafft, vie­le Men­schen zu mo­bi­li­sie­ren, wie es in an­de­ren Städ­ten – wie zum Bei­spiel Ham­burg – mög­lich ist.

Daraufhin war klar: Wir brauchen ein anderes Format. So kam es zum Kehrenbürger …

Kehrenbürger

Das ist ei­ne Platt­form, bei der bei­spiels­wei­se In­itia­ti­ven re­gel­mä­ßig Putz- oder Ver­schö­ne­rungs­ak­tio­nen an­mel­den kön­nen. Die Ma­te­ria­li­en zum Ab­fall sam­meln stel­len wir zur Ver­fü­gung. Das sind ne­ben Zan­ge und Be­sen auch Wes­ten und Ar­beits­hand­schu­he.

Wir küm­mern uns auch um die Ent­sor­gung des Ab­falls. Da uns Nach­hal­tig­keit wich­tig ist, kom­men die Be­sen und die Zan­gen in die Wie­der­ver­wen­dung. Die wer­den so lan­ge ge­nutzt, bis sie ka­putt sind und wer­den nicht nach ein­ma­li­ger Nut­zung ent­sorgt.

Im März kam es deutsch­land­weit zum Lock­down und in Ber­lin gab es vie­ler­orts Still­stand. Wie ha­ben Sie dar­auf re­agiert, so­wohl im Un­ter­neh­men als auch mit der Keh­ren­bür­ger-Platt­form?

Wir wa­ren als Be­trieb schon sehr streng mit den Co­ro­na-Maß­nah­men. Da­her ha­ben wir in der Zeit des mas­si­ven Lock­downs die Keh­ren­bür­ger-Sei­te ge­schlos­sen und kei­ne An­mel­dun­gen mehr an­ge­nom­men. Wir woll­ten das Zu­sam­men­kom­men von grö­ße­ren Grup­pen auf en­gen Raum nicht auch noch för­dern.

Im Be­trieb muss­ten wir uns auf al­les ein­stel­len, was noch kom­men könn­te. Da war es uns na­tür­lich in ers­ter Li­nie wich­tig die Ent­sor­gungs­si­cher­heit in Ber­lin si­cher­zu­stel­len. Das ist uns zum Glück ge­lun­gen.

Aber auch und vor al­lem durch die strik­te Tren­nung in Grup­pen von Mitarbeiter:innen im Be­trieb. So konn­ten wir je­der­zeit die Be­triebs­zei­ten auf­recht er­hal­ten. Ak­tu­ell kön­nen aber auch wie­der „Kehrenbürger“-Aktionen an­ge­mel­det wer­den und auch zum Cleanup Day am 19. Sep­tem­ber wer­den wir zen­tra­le Ak­tio­nen an­bie­ten.

Wir sind davon überzeugt, dass das Engagement die Entwicklung einer Gesellschaft stärkt

Dass sich Un­ter­neh­men mit ei­ge­nen Ak­tio­nen zi­vil­ge­sell­schaft­lich en­ga­gie­ren, ist nicht un­be­dingt selbst­ver­ständ­lich. Wel­che Zu­kunft hat die Schnitt­stel­le Eh­ren­amt und Un­ter­neh­men in Ih­ren Au­gen?

Eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment ist grund­sätz­lich wich­tig. Wir en­ga­gie­ren uns jetzt schon seit vie­len Jah­ren. Wir un­ter­stüt­zen den Ber­li­ner Fuß­ball­ver­band, den Ber­li­ner Hand­ball­ver­band und all­ge­mein im Sport sehr vie­le Be­rei­che, dar­un­ter auch „Ju­gend trai­niert für Olym­pia“. Da­bei geht es dar­um, die Men­schen im sport­li­chen Kon­text in Be­we­gung zu brin­gen.

Wir sind aber auch da­von über­zeugt, dass das En­ga­ge­ment die Ent­wick­lung ei­ner Ge­sell­schaft stärkt – ob man nun die Nach­bar­schaft durch Ak­tio­nen ken­nen­lernt oder ge­mein­sam in Be­we­gung kommt. Als Un­ter­neh­men för­dern wir durch das En­ga­ge­ment auch Team­geist und Ge­mein­sinn.

Wir pro­fi­tie­ren von die­sen Part­ner­schaf­ten ja auch. Wir füh­len uns als Un­ter­neh­men da­mit wohl und sind auch zu­tiefst da­von über­zeugt, dass das für ein Un­ter­neh­men, das al­len Berliner:innen ge­hört, selbst­ver­ständ­lich ist.

Was wün­schen Sie sich für den Ber­li­ner En­ga­ge­ment-Be­reich in der Zu­kunft?

Ich wün­sche mir, dass eh­ren­amt­li­ches En­ga­ge­ment mehr Sicht­bar­keit er­fährt. Nicht al­le In­sti­tu­tio­nen schaf­fen das aus ei­ge­ner Kraft. Da­bei ist das so wich­tig, be­son­ders für die klei­nen so­zia­len Pro­jek­te.

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zu­letzt ak­tua­li­siert, über­ar­bei­tet und er­gänzt 21.09.2020